ANALYSE
Warum die SUV-Strategie Smarts nach hinten losging
Mit Elektro-SUV aus China sollte Smart endlich Gewinne erzielen. Doch der Absatz enttäuscht. Nun wird ausgerechnet der Zweisitzer zum Hoffnungsträger.
Smart-Teilverkauf an Geely und Fokus auf SUV-Modelle
So wurde Smart 2019 in ein Gemeinschaftsunternehmen umgewandelt, an dem Mercedes und Geely jeweils zur Hälfte beteiligt sind. Das Smart-Stammwerk im französischen Hambach ging an den jungen Geländewagen-Hersteller Ineos. Die neuen Smart werden in China bei Geely entwickelt und produziert, Mercedes steuert lediglich das Design bei.
Die Neuaufstellung betraf jedoch nicht nur die Firmenstruktur und die Fabriken: Smart verabschiedete sich vom Zweisitzer und setzte vollständig auf rein elektrische SUV. Kein Wunder, schließlich ist hier die Gewinnmarge deutlich höher als bei Kleinst- oder Kleinwagen.
Erstes Modell war das kompakte SUV #1, das im Juni 2022 zuerst in China auf den Markt kam. Der Verkauf in Europa begann im Februar 2023. Der #1 basiert auf der SEA2-Plattform von Geely, die unter anderem auch vom Volvo EX30 genutzt wird. War der #1 für einen Smart schon ungewöhnlich groß, so sollte ihn das SUV-Coupé #3 noch einmal übertreffen. Und mit dem im April gestarteten #5 verlässt Smart endgültig alle vertrauten Dimensionen: Das 4,70 m lange SUV wiegt 2,37 t und rollt in der Brabus-Variante mit 646 PS vor.
Die Neuausrichtung entwickelte sich zum Flop
Doch die Neuaufstellung entwickelte sich zu einem Flop: Seit der Einführung der SUV-Modellpalette sind die Smart-Verkäufe in Europa eingebrochen. So lag der Absatz 2023 und 2024 deutlich unter der Marke von 30.000 Neuwagen. Aus der heutigen Perspektive erscheinen die Klagen der Mercedes-Verantwortlichen bei über 100.000 verkauften Smart in Europa in einem ganz anderen Licht.
Vor allem in Deutschland, dem einst größten Absatzmarkt von Smart, fremdeln die Kund:innen mit der Neuaufstellung: Von Januar bis November 2025 wurden gerade einmal 4096 Smart bei uns neu zugelassen, obwohl mit dem #5 ein zusätzliches Modell antrat. Im gleichen Zeitraum fanden 2021 ganze 21.810 Smart bei uns neue Käufer:innen. Und 2021 hatte die Marke schon komplett auf Elektroantrieb umgestellt. Es liegt also nicht an den „fehlenden“ Verbrennern.
Auch in China kam Smart unter die Räder
Mit der neuen Modellpalette zielten die Verantwortlichen bei Mercedes und Geely allerdings eher auf China: Während sich die Kundschaft auf dem größten Automarkt der Welt mit dem kurzen Zweisitzer nie anfreunden konnte, liegen Elektro-SUV dort voll im Trend. Doch nach einem kurzen Zwischenhoch 2023 mit 42.292 verkauften Neuwagen kam Smart auch in China unter die Räder. Der ruinöse Verdrängungswettbewerb ließ dem „Neueinsteiger“ keine Chance. Schon im zweiten vollen Verkaufsjahr sank der Absatz um 21,3 Prozent.
Auch der Marktstart des Smart #5 konnte den Schwund nicht stoppen: Bis November 2025 fielen die Verkäufe in China um weitere 6,9 Prozent auf lediglich 27.083 Neuwagen. Zu Beginn des Jahres wollte Smart in der Volksrepublik noch 80.000 Fahrzeuge absetzen.
Mit ihrem Fokus auf gewinnstarke Elektro-SUV begaben sich die Smart-Manager:innen in ein Haifischbecken: Vor allem in China ist die Konkurrenz in dem Bereich erdrückend. Zudem hat Smart damit sein Alleinstellungsmerkmal verloren. Die neuen Modelle haben nur noch wenig mit dem einstigen Markenkern gemein. Und mit den deutlich gewachsenen Dimensionen sind auch die Preise gestiegen.
Drei Lösungsansätze sollen Smart aus der Krise verhelfen
Um den sinkenden Verkäufen entgegenzuwirken, betont Smart in China nun deutlicher seine Verbindung zu Mercedes. So findet sich an der B-Säule des #5 eine Plakette mit dem Mercedes-Stern und dem Hinweis „styled by“. Zudem bricht Smart in der Volksrepublik mit seiner reinen Elektro-Modellpalette und der Ausrichtung auf SUV: 2026 startet mit dem #6 die erste Limousine der Marke. Das Modell verfügt über einen Plug-in-Hybrid-Antrieb und basiert auf einer Geely-Plattform. Was sein Design betrifft, ähnelt der #6 dem neuen Mercedes CLA und bietet sich in China quasi als „smarte“ Alternative dazu an. Den #5 gibt es seit September in der Volksrepublik ebenfalls als zusätzliche Plug-in-Hybrid-Variante.
Auch in Europa will Smart nicht mehr nur auf SUV setzen. So wird der Zweisitzer als Smart #2 Ende 2026 zurückkehren. Über den rein elektrischen Kleinstwagen mit Hinterradantrieb freut sich vor allem Smart-Deutschland-Chef Wolfgang Ufer: „Für viele von uns ist dieses Fahrzeug mehr als nur ein weiteres Produkt im Portfolio – und es wird schon lange sehnlichst erwartet.“ In nur sechs Jahren ist der Zweisitzer damit vom Sorgenkind zum Hoffnungsträger geworden.
FAZIT
Der Smart Fortwo war in seiner Nische konkurrenzlos. Das kann man von den neuen Elektro-SUV der Marke nicht behaupten. Mit ihnen wollte Smart in Europa und in China in die Lücke stoßen, die die Höherpositionierung von Mercedes hinterlassen hätte. Doch die Luxusstrategie der Stuttgarter ist abgeblasen – und die erhoffte Lücke wird sich nicht auftun. Nun tritt Smart nicht nur gegen die Elektro-SUV von Mercedes, sondern in China gegen fast alle Wettbewerber an. Und die Kund:innen in Europa hat man mit der Neuaufstellung überrumpelt, sie fremdeln damit bis heute. So gesehen ist die Rückkehr des Fortwo alias Smart #2 eine gute Nachricht.